Veränderungen

Ich muss ganz offensichtlich aus der Zeit gefallen sein, so als ob ich etwa den Raum einer Uhr verlassen hätte; der Zeiger sich ohne mich dreht. In meiner Erinnerung war das Internet, mit dem ich aufgewachsen bin, im Grunde eine mehr oder weniger bedeutungslose, digitale Parallelgesellschaft. Das ist inzwischen anscheinend nicht mehr so. Nicht, dass ich diese schleichende Entwicklung nicht bemerkt hätte: In all den verschiedenen sozialen Netzwerken tummeln sich etliche Menschen, vernetzt, in einem System funktionierend, das Leben der Menschen in ihren Systemen wird plötzlich sichtbar. Inzwischen scheint es aber so zu sein, dass die Relevanz des Internets sich nicht nur auf den Erwerb von Informationen bezieht, sondern zunehmend auch behauptet wird, es habe in allerlei – besonders aber im politischen – Diskurs erhebliche Bedeutung. Eine Wahl gewinnt man inzwischen mit „social media“, hört man da so häufig – ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob das in irgendeiner Weise stimmt; aber keine Zweifel habe ich daran, dass die Zahl derer, die nach diesem Credo agieren, steigt und damit auch die Zahl derer, für die dieser Ausspruch gilt; eine Autopoiesis, wenn man so will. Einhundertundvierzig Zeichen sind die magische Grenze und destillieren jeden Gedanken zu beispielloser Plakativität. Dass ich mehr als zweihundert Worte brauche, um meinen Gedanken zu artikulieren, lässt mich glauben, ich handelte unfassbar antiquiert. Es geht aber nicht mit weniger Worten. Ich muss meine Gedanken sortieren in dieser neuen Welt der Relevanz, vielleicht erneuern, vielleicht nicht. Ich weiß es noch nicht.